Alkoholpolitik

Suchtexperten fordern eine höhere Besteuerung und damit höhere Preise für alkoholische Getränke und ein generelles Werbeverbot. Foto: Michael Werner Nickel/pixelio.de


Die lückenlose Versorgung
mit Bier und Wein
fördert Missbrauch und Abhängigkeit


Samstagabend, 22.00 Uhr. Hamburg: eine von rund 15.000 Tankstellen in Deutschland. Die Supermärkte der Umgebung haben vor zwei Stunden geschlossen. Seither herrscht hier ein reges Kommen und Gehen. Bis zu zehn Personen sind gleichzeitig im Shop, Benzin bezahlen die wenigsten. Fast alle tragen Bier, Biermixgetränke oder andere Alkoholika zur Kasse, viele nehmen noch etwas zum Knabbern mit – oder Zigaretten. Geschätzte 20 bis 30 Prozent ihres Gewinnes machen große Tankstellen heute mit diesen Verkäufen. Abends und nachts liegt dieser Anteil noch deutlich höher.

Gerade junge Leute, die sich spontan verabreden und treffen, kaufen oftmals Bier und andere alkoholische Getränke an der „Tanke“. Nicht so billig wie beim Discounter, aber günstiger als in einem Lokal oder gar einer Diskothek ist es dort allemal. Damit leistet der Nachtverkauf an Tankstellen dem Trinken bis zum Rausch Vorschub, das in den vergangenen Jahren unter Jugendlichen stark zugenommen hat. Wird eine neue Tankstelle mit nächtlichem Alkoholverkauf eröffnet, steigt in ihrer Umgebung nach Polizeiangaben die Klein- und Gewaltkriminalität unter Alkoholeinfluss um ein Vielfaches an. Die Kosten der dadurch erforderlichen Polizeiarbeit trägt der Steuerzahler, die der Arbeit von Notärzten die Gemeinschaft der Krankenversicherten.

„Egal, ob es um Jugendliche oder Erwachsene geht – es gibt keinen vernünftigen Grund, Tankstellen einen Rund-um-die-Uhr-Verkauf von Suchtmitteln zu erlauben, den nicht einmal Gaststätten und Bars betreiben“, so Dr. Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. „Alle Länder, in denen Alkohol wie selbstverständlich rund um die Uhr verkauft wird, haben ein massives Alkoholproblem.“ Wie nahezu alle Suchtexperten fordert er ein Verkaufsverbot von Alkohol an Tankstellen wenigstens in der Zeit zwischen 20.00 und 6.00 Uhr.

Der Alkoholkonsum in Deutschland ist extrem hoch. Rund 10 Liter Reinalkohol pro Kopf und Jahr bedeutet (mit Platz fünf) einen internationalen Spitzenplatz. Entsprechend groß sind die Folgeschäden: Die Kosten der Behandlung alkohol­bedingter Krankheiten belaufen sich auf 24 Milliarden Euro jährlich. Etwa 74.000 Menschen sterben Jahr für Jahr an den Folgen ihres überhöhten Alkoholkonsums. Besonders besorgniserregend ist die Zunahme des exzessiven Alkoholkonsums bei jungen Menschen. Zwar sind der Verkauf von Bier und Wein an unter 16-Jährige und der Verkauf von Spirituosen an unter 18-Jährige nach dem Jugendschutzgesetz verboten, in der Praxis haben Jugendliche aber kaum Schwierigkeiten, sich alkoholische Getränke zu besorgen. Testkäufe beweisen immer wieder: Die Ursache sind massive Verstöße des Handels gegen den Jugendschutz. 25.000 junge Menschen im Alter von 10 bis 20 Jahren werden jährlich mit einer akuten Alkoholvergiftung in die Krankenhäuser eingeliefert. Tendenz stark steigend! Dazu Raphael Gaßmann: „Alkohol darf nicht taschengeldverträglich sein.“

Neben der Einschränkung der Verkaufszeiten und Verkaufsstellen fordern Suchtexperten deshalb weitere politische Maßnahmen: eine höhere Besteuerung und damit höhere Preise für alkoholische Getränke und ein generelles Werbeverbot. Gaßmann: „Es gibt kaum etwas Unsinnigeres als Werbung für Alkohol. Mit gutem Grund darf in Deutschland nicht öffentlich für verschreibungspflichtige Medikamente geworben werden. Ihr Missbrauchspotenzial ist enorm hoch. Für Alkohol gilt dies in noch viel stärkerem Maß.“

Solche gesetzlichen Maßnahmen sind im Vergleich mit Aufklärungskampagnen kostengünstiger und vor allem effektiver. Sie wirken schneller und sie erreichen mehr Menschen – auch solche, die durch Informations- und Aufklärungskampagnen kaum erreicht werden. „Es geht nicht darum, Verbote an die Stelle von Aufklärung und die freie Entscheidung erwachsener Menschen zu setzen“, erläutert Raphael Gaßmann „aber so wie die Verhältnisse in Deutschland sind, fördern sie Missbrauch und Abhängigkeit. Wir müssen Jugendliche besser schützen.“

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