Alkohol und Angehörige

- Auch die Angehörigen süchtiger und suchtgefährdeter Menschen brauchen Unterstützung - und haben ein Recht darauf. Foto: Paul-Georg Meister/pixelio.de
Niemand braucht eine Insel zu sein:
Alkoholprobleme in der Familie
Die Alkoholabhängigkeit eines Menschen hat auch für die Menschen in seiner Umgebung tiefgreifende Folgen. Der Übergang zwischen riskantem und abhängigem Alkoholkonsum ist fließend, Suchtprobleme entstehen in der Regel über viele Jahre. Da es den meisten Abhängigen anfänglich immer wieder gelingt, Maß zu halten oder gar zu verzichten, wird die Wahrnehmung des Problems noch erschwert. Untrügliches Zeichen für die beginnende Abhängigkeit ist dann die immer stärkere Fixierung des betroffenen Menschen auf den Alkohol. Parallel dazu treten andere Interessen und Verpflichtungen, die eigene Gesundheit, Freundschaften und Liebesbeziehungen in ihrer Bedeutung zurück.
Schätzungsweise acht Millionen Angehörige alkoholkranker Menschen leben in Deutschland. Oft leiden sie mehr unter der Krankheit als die betroffene Person selbst. Die meisten richten mit der Zeit ihr ganzes Leben auf den suchtkranken Menschen aus. Wie kann ich helfen? Was muss ich tun, damit er oder sie nicht weiter trinkt? Wie verstecke ich unsere Probleme vor den Nachbarn und Freunden? Für eigene Interessen, Hobbys und die Pflege von Freundschaften bleibt kein Raum mehr, denn die Bemühungen, das süchtige Verhalten unter Kontrolle zu bekommen, nehmen alle Energie in Anspruch.
Zu den Sorgen um die Gesundheit des Betroffenen kommen Überforderung und zunehmende Vereinsamung. Das Zusammenleben mit einem alkoholgefährdeten oder –abhängigen Menschen ist oft durch extreme Stimmungsschwankungen, Unzuverlässigkeit, liebloses oder aggressives Verhalten bis hin zu regelmäßiger sexueller und anderer körperlicher Gewalt geprägt. Leben Kinder mit im Haushalt, vervielfacht sich die Belastung der nicht abhängigen Person, schließlich müssen Betreuung und Versorgung weitergehen. Schwerwiegend ist auch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und den damit einhergehenden finanziellen Problemen.

- Foto: rico kühnel/pixelio.de
Trotzdem reiben sich viele Angehörige manchmal Jahrzehnte lang in dem Bemühen auf, den Schein zu wahren und das Suchtproblem geheim zu halten; in vielen Fällen unterstützen Angehörige den Partner bis zur Selbstaufgabe. Selbst eigene Bedürfnisse können sie nicht mehr fühlen. Eine Suchtkrankheit führt oft auch zu einer Beziehungsstörung, von der nicht nur der Alkoholiker, sondern auch Angehörige betroffen sind. Sehr oft hilft nur eine professionelle Beratung und Therapie, um den Knoten aus beschützender Kontrolle und Hassliebe zu durchbrechen. Auch die Angehörigen süchtiger und suchtgefährdeter Menschen brauchen Unterstützung – und haben ein Recht darauf. Denn die Gefahr ist groß, dass sie sich in dem aufreibenden Kampf um das Suchtmittel verlieren. Typische Folgen der ständigen Überlastung sind Nervosität und Schlaflosigkeit, Magenerkrankungen, Migräne und Depressionen bis hin zur eigenen Suchterkrankung.
So weit braucht es nicht zu kommen. Viele erwachsene Angehörige und Kinder aus suchtbelasteten Familien brauchen Hilfe, um wieder ein zufriedenes Leben führen zu können. Deshalb bieten Beratungsstellen, Abstinenz- und Selbsthilfeorganisationen auch Beratung und Hilfe für Partner und Kinder von Abhängigen an. Zwar muss dieser selbst erkennen, dass er ein Suchtproblem hat, und muss auch selbst zum Ausstieg bereit werden. Angehörige können dennoch dazu beitragen, dass die betroffene Person ihre Situation erkennt und Hilfe annimmt. Und sie können dafür sorgen, dass ihre eigene Lebensfreude und Kraft nicht ebenfalls in der Sucht untergehen.
Zum Weiterlesen:
„Alkohol, Medikamente, illegale Drogen, Nikotin, süchtiges Verhalten? Ein Angebot an alle, die einem nahestehenden Menschen helfen wollen.“ (Hg. DHS), Bestellnummer: 33220002. Diese Broschüre ist kostenlos erhältlich. Sie kann online unter www.bzga.de, per Fax 0221/8 99 22 57, oder schriftlich bei der BZgA, 51101 Köln bestellt werden.
FrauSuchtLiebe, „Co-Abhängigkeit und Beziehungssucht“, aus der Reihe FrauSuchtGesundheit. Als Download verfügbar: www.dhs.de
Schritte aus der Abhängigkeit - was Angehörige tun können
1) Informieren Sie sich und nehmen Sie Hilfe in Anspruch
Sie sind nicht allein. Machen Sie einen ersten Schritt, indem Sie Beratung und Unterstützung annehmen. Damit unternehmen Sie konkret etwas gegen Ihre eigenen Ängste und setzen auch ein klares Zeichen: So wie bisher wird es nicht weiter gehen. Angehörige haben ein Recht auf Hilfe. Sich an eine Beratungsstelle zu wenden, ist kein Zeichen des Aufgebens, sondern vielmehr der erste aktive Schritt, um Ihre Lebenssituation und die des Angehörigen zum Besseren hin zu wenden. Er kann Ihrem/Ihrer Angehörigen einen Anstoß geben, jetzt ebenfalls aktiv zu werden.
2) Akzeptieren Sie die Tatsachen – und die Krankheit
Die Hoffnung, dies alles sei nur ein böser Spuk, der von allein wieder verschwinden wird, ist endgültig am Ende: Akzeptieren Sie, dass Ihr Angehöriger abhängig ist, und akzeptieren Sie zugleich, dass es nicht in Ihrer Macht steht, diese Abhängigkeit zu durchbrechen. Schützen Sie auch sich selber vor weiteren Enttäuschungen und Vertrauensbrüchen: Indem Sie keine Absprachen mehr treffen, von denen Sie im Vorfeld schon ahnen, dass die abhängige Person Sie ohnehin nicht einhalten wird. Versuchen Sie auch nicht länger, die Krankheit und ihre Folgen zu verheimlichen. Gerade dieser Schritt fällt vielen schwer und verlangt viel Mut vor möglichen Reaktionen von Verwandten und Freunden.
3) Beenden Sie den Kampf um das Suchtmittel
Der Kampf um das Suchtmittel – zum Beispiel das Verstecken von Flaschen – ist nicht nur nutzlos, sondern schadet allen Beteiligten. Die abhängige Person wird Ihnen diese Einmischung übel nehmen und sich weiter verschließen. Und sie wird Mittel und Wege finden, sich Ersatz zu beschaffen.
4) Hören Sie auf, der Sucht zu helfen
Viele Angehörige übernehmen nach und nach immer mehr Aufgaben und Verantwortung des/der Abhängigen. Gerade diese Unterstützung gaukelt dem Süchtigen jedoch vor, er käme im Leben noch zurecht – also könne es so schlimm ja noch nicht sein. Kümmern Sie sich nicht länger um Dinge, die nicht Ihre Aufgabe sind. Dadurch werden Versäumnisse und Fehler des/der Abhängigen offensichtlich; der entstehende Druck kann dazu beitragen, dass er/sie sich um Veränderung bemüht.
Was Sie sagen, ist ernst zu nehmen: Dinge, die Sie ankündigen, führen Sie auch durch, und Dinge, die Sie nicht durchführen wollen oder können, drohen Sie auch nicht mehr an. Bleiben Sie hierin konsequent. „Hilfe durch Nicht-Hilfe“ bedeutet nicht „Nichts-Tun“. Im Gegenteil – es verlangt viel Kraft und Konsequenz, diesen neuen Weg einzuschlagen.
5) Nehmen Sie Ihr eigenes Leben wieder in die Hand
Möglicherweise haben Sie sich schon jahrelang ganz auf Ihren Angehörigen konzentriert und dabei eigene Interessen, Hobbys und Freundschaften völlig vernachlässigt. Nehmen Sie Ihr Leben wieder selber in die Hand und gestalten Sie es aktiv und befriedigend. Geben Sie der anderen Person wieder die Verantwortung für ihr eigenes Leben zurück.
Etwa ein Fünftel aller Personen, die in Beratungsstellen Rat und Hilfe suchen, kommen durch die Vermittlung von Angehörigen und Freunden dorthin.
An Hilfsangebote für die Kinder wird oft als letztes gedacht

Wenn Mama oder Papa trinkt
Kinder leiden schwer, wenn ein Elternteil oder gar beide Eltern von einer Suchterkrankung betroffen sind. Meistens versuchen sie, das „Familiengeheimnis“ unter allen Umständen zu wahren. Sie entwickeln eigene Strategien, um ihrer Familie zu helfen; ihre Vereinsamung und Überforderung ist enorm. Auch haben Kinder aus Suchtfamilien oft weniger entwickelte motorische Fähigkeiten und sind verhaltensauffällig, also entweder sehr in sich gekehrt oder das Gegenteil, nämlich hyperaktiv. Dass sie in der Familie vielfach eine Verantwortung tragen, die sie gar nicht erfüllen können, ist nur eine der Ursachen.
Bei allen Hilfsangeboten, die es für Erwachsene gibt: An die Kinder denkt man häufig zuletzt. Für sie wäre es aber besonders wichtig, professionelle Hilfe zu erhalten. Denn ihr Risiko, später selbst suchtkrank zu werden oder sich von einem suchtmittelabhängigen Menschen abhängig zu machen, ist dreimal höher als bei ihren Altersgenossen aus nicht suchtbelasteten Familien.
Wo Kinder von Suchtkranken Hilfe finden:
• Die Informations- und Beratungstelefone sind auch für alle da, die von der Suchtkrankheit eines anderen Menschen mitbetroffen sind.
• Bei den Selbsthilfe- und Abstinenzverbänden gibt es auch Angehörigen- und Kindergruppen.
• NACOA Deutschland ist ein Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, allen Kindern aus Suchtfamilien zu helfen. www.nacoa.de, Tel. 0 30/35 12 24 30
Foto: Rainer Sturm/pixelio.de
Kinder aus Familien mit Alkoholproblemen brauchen stabile Kontakte

- Foto: Robert Bablak / pixelio.de
Drei Fragen an Gabriele Bartsch (DHS):
Was Kindern aus Suchtfamilien hilft
Weit über zwei Millionen Kinder und Jugendliche sind von den Alkoholproblemen ihres Vaters und/oder ihrer Mutter mitbetroffen. Viele müssen auf Zuverlässigkeit, Liebe, gemeinsame Unternehmungen und klare Rollen innerhalb der Familie verzichten. Viele leiden auch unter Gewalt, Vernachlässigung und Außenseitertum. Heute weiß man, dass diese Kinder sehr gefährdet sind, selbst einmal Suchtprobleme oder andere psychische Störungen zu entwickeln. Drei Fragen zum Thema an Gabriele Bartsch, Referentin für Grundsatzfragen und stellvertretende Geschäftsführerin der DHS:
Vielen Kindern und Jugendlichen gelingt es trotz ihrer schwierigen Familiensituation, zu psychisch gesunden Menschen heranzuwachsen. Was hilft ihnen dabei?
Das ist eine Frage, der sich die Forschung in den letzten Jahren verstärkt zugewandt hat. Ganz wichtig ist die Feststellung, dass nicht das Kind an den Problemen in der Familie schuld ist. Meist ist die Familienwelt der betroffenen Kinder nicht intakt. Helfer von außerhalb sind wichtig. Erwachsene, die den Kindern stabile, verlässliche Kontakte anbieten. Auch künstlerische, sportliche und soziale Aktivitäten stärken Kinder und Jugendliche und fördern ihre Widerstandskraft.
Was wünschen Sie sich für die Kinder suchtkranker Eltern am meisten?
Die Aufmerksamkeit der Erwachsenen um sie herum. Dass diese Kinder in Kindergärten und Schulen, in Arztpraxen und Sportvereinen Menschen treffen, die bereit sind, genauer hinzusehen, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kind leidet, besonders zurückhaltend oder distanzlos ist oder sich auch sonst anhaltend auffällig verhält. Natürlich müssen das nicht immer Hinweise auf Suchtprobleme in der Familie sein oder darauf, dass sich Eltern nicht angemessen um ihre Kinder kümmern. Doch die Möglichkeit besteht. Und dies sollte Aufforderung genug sein, genauer hinzuschauen.
Wie sollte man mit so einem Verdacht umgehen?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Es hängt vom Alter des Kindes und vom Einzelfall ab. Wichtig ist es, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Und vor allem zunächst selbst mit einer fachkundigen Person zu sprechen. Ein erster Schritt kann ein Anruf bei einem der Beratungstelefone oder in der örtlichen Suchtberatungsstelle sein. Dort kann man sich auch gleich nach geeigneten Hilfeangeboten für Kinder und Jugendliche vor Ort erkundigen.
Zum Weiterlesen:
„Bitte: Hör auf!“, Bildergeschichte für Kinder zum Thema Alkoholkrankheit in der Familie
„Voll normal“, Cartoon für jugendliche Kinder alkoholkranker Eltern. Die Broschüren stehen als download zur Verfügung: www.dhs.de/infomaterial
„Alkohol .... . reden wir darüber.“ Ein Ratgeber für Eltern, Bestellnr. 32101900
Diese Broschüre kann kostenlos online unter www.bzga.de, per Fax 02 21 / 8 99 22 57 oder per Post bei der BZgA, 51101 Köln bestellt werden.



