Missbrauch und Abhängigkeit

Alkoholabhängige versuchen oft, die Sucht zu verheimlichen, und leiden selbst unter ihrer Krankheit und deren Folgen. Foto: Torsten Lohse/pixelio.de


"Aus Frust und Ärger immer mehr getrunken"
 
Alkoholprobleme sind lösbar - wichtig ist der erste Schritt

Die Abhängigkeit entwickelte sich bei Wolfgang schleichend und zuerst ganz harmlos. Bei der Bundeswehr begann der sportlich aktive Mann zu trinken, während seiner nachfolgenden Ausbildung zum Krankenpfleger griff er weiter zur Flasche. „Damals war ich nicht abhängig, aber ich missbrauchte Alkohol“, erzählt er – so wie rund zwei Millionen anderer Menschen in Deutschland auch. Die schädlichen Folgen nahm er in Kauf. Als er dann im OP-Saal eines Krankenhauses arbeitete, kam Ärger mit dem Chef hinzu. Versprechen wurden gegeben und gebrochen, bald begann Wolfgang, aus Frust und Ärger noch mehr zu trinken. Als „Spiegeltrinker“ brauchte er schließlich einen gewissen Alkoholspiegel im Blut, um überhaupt zu funktionieren, normal zu wirken und zu verhindern, dass seine Hände zitterten.

Wolfgang wurde alkoholabhängig. Er fuhr morgens früher zur Arbeit, um vor 7 Uhr seinen Alkoholspiegel mit Rum aufzufüllen, gegen 11 verschwand er erneut, um sein Quantum zu trinken. „Rum deshalb, weil ich zu faul war für Bier oder Wein“, erklärt er. Ein „pragmatischer“ Grund also – hätte er Bier oder Wein getrunken, wären deutlich größere Getränkemengen nötig gewesen, auch hätte er sich um eine Vielzahl zu entsorgender Flaschen kümmern müssen. „Meine Kollegen und Kolleginnen wussten, dass ich trinke“, vermutet er heute. Doch sie tolerierten es und sagten nichts.

Wolfgang gehörte zu den 1,3 Millionen alkoholabhängigen Menschen in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Abhängigkeit als „einen seelischen, eventuell auch körperlichen Zustand, der dadurch charakterisiert ist, dass ein dringendes Verlangen oder unbezwingbares Bedürfnis besteht, sich die entsprechende Substanz fortgesetzt und periodisch zuzuführen“. Alkoholabhängige können nicht anders, sie müssen trinken – Alkoholabhängigkeit ist eine anerkannte Krankheit.

Suchtkranke Menschen bemühen sich meist, ihre Abhängigkeit nach außen geheim zu halten und leiden selbst unter ihrer Krankheit und deren Folgen. Ihre Angehörigen leiden ebenfalls, unterstützen jedoch die Abhängigkeit oft unbeabsichtigt, indem sie sich beispielsweise an der Geheimhaltung beteiligen, den Suchtkranken beim Arbeitgeber entschuldigen oder den Konsum kontrollieren.

Auch Wolfgangs Frau versuchte das – und stets dachte er sich neue Verstecke aus. Am Ende verbarg er die Rumflasche in der Garage. Als er eine Herzattacke bekam, empfahl der Arzt ihm Abstinenz. Die setzte Wolfgang um – acht Jahre lang. „Jeder Tag war ein neuer Kampf“, erinnert er sich, „denn meine wirklichen Probleme hatte ich nicht aufgearbeitet.“ Mit angeblich alkoholfreiem Apfelwein begann der Rückfall, bald drehte sich für Wolfgang das Leben erneut nur noch um die Frage, wie er seine Versorgung mit Alkohol gewährleisten konnte.

Der Ausstieg gelang ihm erst, als ein Kollege die oberste Leitung des Krankenhauses über seine Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Alkohol informierte. Nach einem Gespräch wurde Wolfgang vom Dienst suspendiert, allerdings mit dem Versprechen: Wenn er sich in einer Therapie erfolgreich seiner Abhängigkeit stellen würde, bekäme er seine Stelle zurück. Wolfgang wandte sich an eine Beratungsstelle und begab sich danach in eine stationäre Behandlung.

Seitdem lebt er abstinent, geht regelmäßig in eine Selbsthilfegruppe und engagiert sich darüber hinaus für den Verband, dem die Gruppe angehört. Seine Arbeitsstelle bekam er zurück. Und sein Chef wunderte sich, denn plötzlich war Wolfgang nicht mehr stets verfügbar und greifbar. In der Therapie hatte er gelernt, „Nein“ zu sagen, wenn er Nein meinte. Ihm gelang der Ausstieg aus dem Teufelskreis der Sucht, der Alkohol regiert heute nicht mehr über sein Leben. Was er anderen Menschen gerne mit auf den Weg geben möchte? Kritisch zu sein, wenn es um Stoffe geht, die süchtig machen können - und sich nichts vorzumachen.

Zum Weiterlesen:

„Ich will da raus!“ Die Bewältigung der Krankheit Sucht. Aus der Reihe Frau Sucht Gesundheit. Als Download verfügbar: www.dhs.de

Foto: Andreas Morlok/pixelio.de


Vom Alkohol loskommen:

Wie die Behandlung abläuft

Alkoholabhängigkeit ist eine anerkannte Krankheit, deren Behandlung wie bei anderen Krankheiten auch bezahlt wird. Nur private Krankenversicherungen verweigern bei Suchterkrankungen die Zahlung. Rund 80 Prozent der Behandlungen sind erfolgreich. Deutschland kann ein sehr gut ausgebautes, differenziertes und erfolgreiches Hilfesystem mit verschiedenen Anlaufstellen vorweisen, das auf die Bedürfnisse und die Situation des Einzelnen abgestimmt ist.

Es gibt Abhängige, die alleine den Weg aus der Sucht schaffen, oft haben sie die Unterstützung von Angehörigen und Partner/in. Meist jedoch ist Druck von Angehörigen, vom Arbeitgeber oder anderer Art nötig, damit ein suchtkranker Mensch Hilfe sucht und etwas gegen sein Alkoholproblem unternimmt. Hilfreich ist es, wenn die Umgebung das Problem offen anspricht und den Abhängigen nicht aus der Verantwortung für seine Sucht entlässt. Viele Abhängige versuchen, die Sucht zu verheimlichen oder zu verharmlosen, sei es aus Scham oder aus Angst vor dem Verlust ihrer Droge. Je früher sich ein Betroffener jedoch Hilfe sucht, desto besser. Selbst wenn noch Zweifel bestehen, ob überhaupt ein Suchtproblem vorliegt, ist es ratsam, sich mit seinen Fragen an Fachleute zu wenden. Das gilt übrigens auch für Angehörige.

Erste Anlaufstelle kann der Hausarzt sein. Er stellt fest, ob bereits körperliche Schäden entstanden sind und verweist, wenn nötig, an andere Stellen. Wichtig ist auch hier, so offen wie möglich mit dem Problem umzugehen und sich die Fragen an den Arzt schon im Vorfeld zu überlegen. Denn die Früherkennung ist bei Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit ebenso wichtig wie bei anderen Krankheiten.

Für erste Hilfe und Unterstützung stehen in den meisten Städten und Kreisen auch spezielle Beratungsstellen zur Verfügung. Die Telefonnummern sind in den örtlichen Telefonbüchern und im Internet zu finden, können aber auch über das Gesundheitsamt erfragt werden. Viele Beratungs- und Behandlungseinrichtungen bieten Beratung und Therapie speziell für Frauen an, um ihren besonderen Erfahrungen, zum Beispiel dem Erleiden sexueller Übergriffe, angemessen Raum zu geben.

Sowohl eine ambulante als auch eine stationäre Therapie sind möglich. Beide werden von dem Rentenversicherer oder der Krankenkasse finanziert, sofern sie nicht privat versichert sind. Bei einer ambulanten Therapie bleibt der Betroffene in seinem sozialen Umfeld, muss aber mindestens sechs Monate lang regelmäßige Behandlungstunden mit psychologischer Betreuung wahrnehmen. Dabei werden auch die Partner/innen mit einbezogen. Bei manchen Abhängigen kann eine stationäre Therapie in einer Fachklinik nötig sein. Beispielsweise wenn es einem Betroffenen nicht gelingt, ohne Alkohol zu leben, oder wenn er keine soziale Unterstützung oder keine Wohnung mehr hat. Der Aufenthalt in der Klinik dauert 6 bis 16 Wochen. In manchen Regionen werden mittlerweile auch teilstationäre Angebote gemacht. Eine anschließende psycho- und sozialtherapeutische Behandlung hilft, die Abstinenz abzusichern.

Manchmal schaffen Betroffene den Ausstieg aus ihrer Abhängigkeit auch mit ausschließlicher Hilfe einer Selbsthilfegruppe. Auf jeden Fall aber empfiehlt sich der Besuch einer Selbsthilfegruppe nach einer Therapie, zur so genannten Nachsorge. Man weiß heute, dass die Rückfallgefahr viel geringer ist, wenn eine Selbsthilfegruppe besucht wird.

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Mit einem individuellen Hilfeplan kam Rolf vom Alkohol los:

Foto: Schemmi/pixelio.de

"Ich wünschte, ich hätte mir
früher Hilfe gesucht"

„Irgendwann war das Kind halt in den Brunnen gefallen“. Der 45jährige Rolf zuckt mit den Achseln und erinnert sich, wie sein Alkoholproblem begann. Anfangs eher harmlos. Er heiratete früh, wurde rasch hintereinander zwei Mal Vater, die Familie kaufte ein kleines Haus. Mit Umstrukturierungen im Betrieb kam die Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle. Überforderung? Gestand er sich nicht ein. Lieber griff er zum Alkohol. Bald merkte er: Nach ein oder zwei Gläsern Bier ging es ihm besser, Angst und Stress verschwanden. Aus den ein oder zwei Gläsern wurden bald vier oder fünf, am Ende trank er mehrere Liter Bier täglich und Schnaps dazu. Seine Frau machte ihm Vorwürfe, häufig gab es Streit, die Kinder litten unter der Situation.

Rolf gehörte zu den 1,7 Millionen Menschen in Deutschland, die abhängig vom Alkohol sind. Abhängige können nicht mehr ohne Alkohol leben. Ihr Körper reagiert mit Entzugs­erscheinun­gen, wenn er keinen Alkohol mehr bekommt. Alkoholkranke vernachlässigen ihre Hobbys und ihren Freundeskreis, ihr Denken und Handeln kreist um die Droge Alkohol.

Weitere rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland trinken missbräuchlich Alkohol. Das heißt, sie trinken über das gesunde Maß hinaus und nehmen in Kauf, sich selbst oder anderen zu schaden: Sie betreiben einerseits langsamen Raubbau mit ihrer Gesundheit, verursachen aber auch Unfälle am Arbeitsplatz oder im Straßenverkehr. Fast ein Viertel derer, die einer Gewalttat verdächtigt werden, stehen laut polizeilichen Angaben unter Alkoholeinfluss. Finanzielle Probleme, körperliche Aggression oder Gewalt und Probleme in Partnerschaft und Familie sind weitere Begleiterscheinungen von regelmäßigem, überhöhtem Alkoholkonsum. Doch der wird oft geleugnet oder verharmlost.

Rolf beispielsweise nahm seine schlechten Leberwerte einfach hin. Auch der unentwegte Streit mit seiner Frau brachte ihn nicht zum Umdenken. Erst ein Betriebsfest, bei dem er betrunken in der Ecke lag, öffnete ihm die Augen. Die späteren Reaktionen seiner Kollegen verrieten ihm: Sie wussten längst, dass er viel zuviel trank. Obwohl er sich doch stets bemüht hatte, sein Problem zu verheimlichen. Er schämte sich. Und suchte endlich Hilfe.

Foto: Günter Havlena/pixelio.de

Nach einem Gespräch mit seinem Arzt und dem erfolglosen Versuch, weniger zu trinken und es auf eigene Faust zu schaffen, vereinbarte er schließlich einen Termin bei einem Suchtberater. Im ersten Gespräch ging es um die Klärung seiner Situation. Gemeinsam wurde eine Art „Hilfeplan“ festgelegt, der individuell auf ihn zugeschnitten war. Nächster Schritt war eine Entzugsbehandlung, bei der sein Körper vom Alkohol entwöhnt wurde. Diese kann stationär oder ambulant durchgeführt werden, reicht aber in den seltensten Fällen aus. Denn danach geht es darum, ein Leben ohne Alkohol zu üben und Probleme anders zu lösen als mit dem gewohnten Griff zum Glas. Eine ambulante Therapie in der Psychosozialen Beratungsstelle schloss sich an. Dort lernte er, anders mit sich und seinen Ängsten umzugehen. Letzter Schritt war schließlich die Kontaktaufnahme zu einer Selbsthilfegruppe in seiner Stadt.

Auch heute noch, zwei Jahre nach seiner Therapie, geht Rolf in die Selbsthilfegruppe. Auch seine Frau lernte dort vieles dazu. Nur eins bereut Rolf noch: „Ich wünschte, ich hätte mir mein Alkoholproblem früher eingestanden und früher Hilfe gesucht“. Sein Rat an andere Betroffene: "Auch wenn es schwer fällt – den ersten und wichtigsten Schritt tun und sich Hilfe suchen, bevor das Leben völlig im Alkohol ertrinkt."                        

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Aktuelles

27.05.11 08:07

SWR berichtet in der "Landesschau" über die Aktionswoche

Auch der SWR produzierte für die Landesschau Rheinland-Pfalz einen längeren...

» zum Bericht

Fakt ist, dass...

... rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland alkoholabhängig sind. Die Abhängigkeit von Alkohol ist seit 1968 als Krankheit anerkannt. Die Kosten der Behandlung übernehmen die Krankenkassen und der Rentenversicherungsträger oder das Sozialamt.

Der häufigste Weg aus der Abhängigkeit:
1) Kontakt- und Motivationsphase
2) Entzugsbehandlung
3) Entwöhnung, stationär oder ambulant
4) Nachsorge, häufig Selbsthilfegruppe

Experten in eigener Sache: Selbsthilfe in Sachen Sucht

Foto: Kreuzbund e.V.


Sie sitzen in der Runde und erzählen: Wie es ihnen geht, was es für Probleme gibt und was gut ist in ihrem Leben. Mit einem solchen „Blitzlicht“ beginnen häufig die Treffen von Selbsthilfegruppen. Geschätzte 7.900 Gruppen der Sucht-Selbsthilfe gibt es in Deutschland, mit mehr als 120.000 Mitgliedern, sowohl Suchtkranken als auch ihren Angehörigen. Selbsthilfe ist ein wichtiger Pfeiler des Hilfesystems. Meist finden wöchentliche Treffen statt. Daneben werden gemeinsame alkoholfreie Freizeitbeschäftigungen organisiert. Der große Vorteil der Selbsthilfe: Hier treffen sich Experten und Expertinnen in eigener Sache. Sie wissen, wovon sie reden, denn sie haben das alles selbst erlebt.

Das Beispiel der anderen macht Mut

„Für mich war es ganz wichtig zu merken, dass ich nicht alleine bin mit meinem Problem“, erzählt die 50jährige Andrea. Bei ihrem ersten Besuch in der Selbsthilfegruppe hörte sie nur zu und traute sich nicht, etwas zu sagen. Doch das Beispiel der anderen, die es geschafft hatten, mit dem Trinken aufzuhören, machte ihr Mut. Sie kam wieder. Nach einigen Treffen erzählte sie erstmals von ihrem eigenen Alkoholkonsum. Die Unterstützung der Gruppenmitglieder half ihr bei dem Versuch, "trocken" zu werden. Andrea schaffte es allein durch den Besuch der Gruppe, zu erkennen: Ich kann mit Alkohol nicht umgehen, deshalb lebe ich abstinent.

Die meisten Teilnehmer/innen in den Gruppen kommen zur so genannten „Nachsorge“, also meist nach einer ambulanten oder stationären Behandlung. Sie wollen abstinent bleiben – und indem sie sich selbst helfen, helfen sie auch den anderen Gruppenmitgliedern. Selbsthilfegruppen sind offen für neue Teilnehmer, der Besuch ist kostenlos und erfordert keinerlei Kenntnisse oder spezielle Voraussetzungen. Man kann, wie Andrea, erst einmal zuhören, sollte aber auch bereit sein, über seine Schwierigkeiten und persönlichen Anliegen zu sprechen. Es gibt in der Sucht-Selbsthilfe kaum Regeln. Eine allerdings gilt stets und immer: Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt auch in der Gruppe und wird nicht nach außen getragen.

Der Rückfall als Chance

Der 43jährige Michael nahm schon während der ersten Gespräche in der Beratungsstelle und seiner ambulanten Therapie zeitweise an einer Selbsthilfegruppe teil. Seit zwei Jahren ist er trocken, doch noch immer ist die Gruppe für ihn ein ganz wichtiges Auffangnetz. „Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen ich den Drang habe, wieder zu trinken“, erzählt er. In solchen Momenten holt er sich bei einem Gruppenmitglied oder beim Treffen der Gruppe Rückhalt und Hilfe. Das gelingt nicht allen Menschen, bei manchen kommt es zum Rückfall. Doch wer offen damit umgeht und in der Selbsthilfegruppe darüber redet, der hat eine gute Chance, aus dem Rückfall zu lernen.

„Hier treffen sich Menschen wie ich, die dieselben Probleme haben. Ich fühle mich hier verstanden“, sagt Andrea. „Wir besprechen in der Gruppe auch unsere Alltagssorgen – und es darf auch mal gelacht werden.“ Und Michael ergänzt: „Wenn es die Selbsthilfe nicht gäbe, müsste sie erfunden werden.“ Denn in der Gruppe hat er gelernt, dass es ausreicht, einfach er selbst zu sein.