Gesundheit, Kulturgut und andere Irrtümer:
Mythen und Meinungen zum Thema Alkohol

Alkoholkonsum ist in Deutschland weit verbreitet. Der Konsum keines anderen Suchtmittels ist gesellschaftlich derart akzeptiert. Dass Alkohol abhängig machen kann, wissen zwar die meisten, aber wie hoch die gesundheitlichen Risiken beim Konsum von Alkohol wirklich sind, wird häufig verdrängt. Hartnäckig hält sich die Meinung, Alkohol sei gesund, er wird sogar zum Kulturgut verklärt. Viele der verbreiteten Annahmen und Mythen über Alkohol halten einer Überprüfung jedoch nicht stand.

Wir haben einige gängige Ansichten für Sie zusammengestellt - und die richtigen Antworten gleich dazu. Hätten Sie's gewusst?

(Und wenn Sie es noch genauer wissen wollen, dann finden Sie  »hier  das detaillierte Factsheet "Mythen und Meinungen über Alkohol" mit Hintergründen und Zahlen als PDF zum Download).

 

Sie glauben, Rotwein sei gesund und senke das Risiko
für Herzerkrankungen?


Falsch.
Richtig ist:
Grundsätzlich ist Alkoholkonsum mit einem erhöhtem Risiko für die Entwicklung von akuten und chronischen (somatischen und psychischen) Erkrankungen verbunden. Der Konsum von Alkohol ist das dritthöchste vermeidbare Risiko zu erkranken und vorzeitig zu sterben. Neben dem Risiko eine Substanzabhängigkeit zu erwerben kann durch Alkohol nahezu jedes Körperorgan geschädigt werden. Es sind über 60 Krankheiten bekannt, die durch Alkoholkonsum verursacht werden können. Nur bei sehr geringem Konsum scheint im Bezug auf Herzkrankheiten ein positiver Effekt von Alkohol vorhanden. Jedoch scheinen viele Studien, die einen positiven Effekt des Alkoholkonsums feststellen, aufgrund von methodischen Mängeln den vorhandenen Effekt zu überschätzen.
Von Alkoholkonsum zur Gesundheitsförderung ist definitiv abzuraten. Denn das Risiko, eine Krankheit zu erleiden oder abhängig zu werden, ist ungleich höher. Wissenschaftliche Studien, die neben alkoholbedingten Schäden für Individuen auch die Gefährlichkeit und Schäden für das Umfeld berücksichtigen, kommen zu dem Ergebnis, dass Alkohol die gefährlichste Droge überhaupt darstellt.

Sie glauben, ein bisschen Alkohol könne doch nicht
schädlich sein
?


Falsch.
Richtig ist:
Der Konsum alkoholischer Getränke ist grundsätzlich mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von akuten und chronischen (psychischen und somatischen) Erkrankungen und sozialen Problemen verbunden. Die risikoarme Schwellendosis im Umgang mit Alkohol liegt für einen Mann bei 24 g Alkohol pro Tag und bei einer Frau bei 12 g Alkohol pro Tag. Diese Grenzwerte gelten für gesunde Erwachsene ohne zusätzliches genetisches oder erworbenes Risiko. Darüber hinaus sollte diese risikoarme Trinkmenge nicht jeden Tag getrunken werden.
Zu Ihrer Information: 12 bzw. 24 g Alkohol entsprechen etwa 0,3 bzw. 0,6 l Bier oder 0,15 bzw. 0,3 l Wein mit einem durchschnittlichen Alkoholgehalt. In Deutschland konsumieren 9,5 Mio. Menschen riskant, sie nehmen täglich mehr Alkohol zu sich, als nach diesen Grenzwerten als risikoarm gilt.

Sie glauben, Tabak habe etwas mit Krebs zu tun, aber
doch nicht Alkohol
?


Falsch.
Richtig ist:
Alkohol erhöht das Risiko an Krebs zu erkranken. Im Februar 2007 bewerteten Experten im Auftrag der Internationalen Krebsforschungsagentur
(IARC) den Einfluss von Alkohol auf das Krebsrisiko neu. Sie kamen zu dem Schluss, dass Alkohol und Krebsrisiko eindeutig verknüpft sind. Die Experten rechneten Alkoholkonsum sogar zu den weltweiten "Top Ten" der Krebsrisikofaktoren. Das wichtigste und giftigste Zwischenprodukt der Verstoffwechselung von Alkohol ist Acetaldehyd, welches in der Forschung als Krebs auslösend (karzinogen) beschrieben wird. Besonders häufig sind durch Alkohol verursachte Tumore im oberen Verdauungstrakt (Speiseröhre, Mundhöhle und
Rachenraum), an der Leber und im Dickdarm/Enddarm sowie bei Frauen in der Brust. Über eine chronische Entzündung und Verfettung der Leber kann Alkohol zu einer so genannten Schrumpfleber führen, die wiederum ein hohes Krebsrisiko darstellt: Frauen, die täglich etwa 20 Gramm Alkohol – ca. ein Viertel Wein oder 0,5 l Bier – trinken, haben ein um das sechsfach erhöhte Risiko, an dieser auch als Zirrhose bezeichneten Leberschädigung zu erkranken. Bei Männern liegt die Grenze bei täglich etwa 40 Gramm. In den Industrienationen werden die meisten Leberkrebsfälle durch diese Spätfolge chronischen Alkoholkonsums ausgelöst. Auch das Risiko für Brustkrebs bei Frauen erhöht sich bei Alkoholkonsum in Abhängigkeit von der Dosis in allen Altersgruppen.

Sie glauben, striktere Gesetze in Bezug auf Alkohol brächten nichts, - das sehe man doch in Norwegen und Schweden?


Falsch.
Richtig ist:
Norwegen und Schweden sind für eine strikte Alkoholpolitik bekannt. Als Beleg für das Scheitern dieser Politik werden gerne die zahllosen Betrunkenen auf den Fähren zwischen Skandinavien und Deutschland angeführt. Dieses Beispiel ist ungefähr so aussagekräftig, als würde man den Alkoholkonsum in Deutschland anhand des Konsums in und um Bahnhöfe herum oder während eines Volksfestes bewerten.
Richtig ist dagegen, dass Norwegen und Schweden in Europa zu den Ländern mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Konsum von Alkohol gehören. Zahlen der WHO für 2003 weisen für Deutschland einen Konsum von 13,0 l reinen Alkohols aus, für Norwegen 8,8 l und Schweden 9,6 l. In diesen Zahlen ist geschmuggelter und illegal gebrannter Schnaps bereits mit einbezogen. Auch der Konsum von Spirituosen ist  deutlich niedriger als z. B. in Deutschland.

Sie glauben, Werbung für alkoholische Getränke führe nicht dazu, dass mehr Leute Alkohol trinken. Sie dient nur der Aufteilung des Marktes unter den Herstellern?


Falsch.
Richtig ist:
In nationalen und internationalen wissenschaftlichen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass die Werbung für alkoholische Getränke Jugendliche zum Trinken verleitet. Sie beginnen früher mit dem Alkoholkonsum, trinken insgesamt mehr und haben eine verzerrte Erwartungshaltung. Insgesamt bewirkt Werbung eine positivere Grundeinstellung zum Trinken.
Alkoholhersteller und Werbeindustrie beschwören dagegen gerne den Mythos, Alkoholwerbung diene nur der Aufteilung eines gesättigten Marktes. Dagegen spricht, dass Werbungen insbesondere auf neue Zielgruppen und nachwachsende Generationen von Konsumenten alkoholischer Getränke abzielen. Kurz: Alkoholwerbung richtet sich an Jugendliche und junge Menschen und wirkt konsumfördernd.

Sie glauben, der Preis für Alkoholika habe keinen Einfluss
auf den Alkoholkonsum
?


Falsch.
Richtig ist:
Keine andere alkoholpolitische Maßnahme ist so intensiv beforscht worden wie die Auswirkung von Preisänderungen bei Alkoholika, z.B. durch höhere oder niedrigere Steuern, auf den Alkoholkonsum. Wenn alkoholische Getränke teuerer werden, sinkt der durchschnittliche Pro-Kopf Konsum von Alkohol; fällt der Preis steigt der Verbrauch an. Das gilt auch für Deutschland. Einen besonders großen Einfluss haben Preiserhöhungen auf den Alkoholkonsum von Jugendlichen und von starken Trinkern. Die EU-Kommission beauftragte im Jahr 2009 die Wissenschaftler von RAND Europe mit einer Untersuchung der „Erschwinglichkeit“ alkoholhaltiger Getränke in den europäischen Mitgliedsländern. Dabei wurden neben dem Preis z.B. auch das jeweils verfügbare Einkommen und die Inflation berücksichtigt. Der Report belegt, dass sich eine Veränderung der Preise unmittelbar auf den Konsum alkoholischer Getränke auswirkt. Im internationalen Vergleich sind alkoholische Getränke in Deutschland erschwinglicher als in den meisten anderen Ländern.

Sie glauben, in osteuropäischen Ländern werde mehr Alkohol getrunken als in Deutschland?


Falsch.
Richtig ist
: Deutschland wird nur von wenigen Ländern im Pro-Kopf-Konsum übertroffen. Ein Vergleich von WHO Daten zeigt, dass Deutschland auch weltweit einen der Spitzenplätze im Pro-Kopf-Konsum belegt. In fast allen osteuropäischen Ländern wird weniger, teilweise viel weniger getrunken als in Deutschland, z.B. in Polen, Bulgarien und Lettland. Dies stimmt auch, wenn man nicht registrierten Konsum von geschmuggeltem Alkohol und illegal gebranntem Schnaps mitzählt.

Sie glauben, Spanien sei ein Land von Weintrinkern, in Deutschland und England trinkt man Bier und Spirituosen?


Falsch.
Richtig ist
: Die Trinkgewohnheiten in Nord- und Südeuropa gleichen sich immer mehr an. Die bevorzugten Getränke, Anlässe und Trinkmuster sind immer weniger Landestypisch, insbesondere bei jüngeren Generationen. Dass ein Getränk typisch für eine Kultur oder eine Lebensweise ist, verliert bei den Trinkgewohnheiten der Europäer an Bedeutung. So wird z.B. in Spanien der konsumierte Alkohol mehr in Form von Bier getrunken als in Form von Wein.

Sie glauben, exzessiver Alkoholkonsum wie das ‚Komasaufen’ sei ein gesellschaftliches Problem, welches die Generation der Jugendlichen verursacht?


Falsch.
Richtig ist:
 Probleme im Zusammenhang mit exzessiven Alkoholkonsum werden durch alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten verursacht. Zwar ist der dramatischste Anstieg bei Krankenhausbehandlungen aufgrund einer  Alkoholvergiftung bei Jugendlichen festzustellen (+170 % zwischen 2000 und 2008), aber die Mehrheit der Behandlungen wird für Erwachsene durchgeführt: In 2008 wurden 76 % der Krankenhausbehandlungen wegen akuter Alkoholvergiftung für Über-20-jährige durchgeführt. In fast allen Altersgruppen gab es in den letzten Jahren einen Anstieg der Behandlungen, wenn auch nicht so stark wie bei den Jugendlichen. Medial scheint „Komasaufen“ ein Jugendproblem zu sein,  tatsächlich sind Alkoholvergiftungen ein Problem von Männern und Frauen aller Altersgruppen.

Sie glauben, Alkohol sei ein Kulturgut?


Falsch.
Richtig ist
: Alkohol und Alkoholkonsum haben nicht generell mit Kultur, aber viel mit Unkultur zu tun. Weinanbau und Alkoholkonsum haben zwar eine lange Tradition in Europa, von „Kultur“ kann man aber nur sprechen, wenn Alkohol in sehr geringen Mengen und zu bestimmten Zeiten und Orten getrunken bzw. gar nicht getrunken würde. Alkoholbedingte Verkehrstote und -verletzte, verprügelte Frauen und Kinder sowie Suizide von Jugendlichen sind die Kehrseiten der Medaille „Kulturgut“, die die Gesellschaft nur ungern wahrhaben möchte:
• In Deutschland geschehen jährlich über 43.000 Verkehrsunfälle, bei denen Alkohol im Spiel ist. Bei über 17.000 davon kommt es zu Personenschäden. Im Jahr 2009 starben bei diesen Unfällen 440 Menschen, 15.576 wurden leicht und 6.159 wurden schwer verletzt. Alkoholunfälle mit Personenschaden haben eine überdurchschnittliche Schwere.
• Alkohol kommt auch Bedeutung zu im Rahmen von interpersoneller Gewalt. Es besteht eine starke Verknüpfung zwischen Alkoholkonsum und dem individuellen Risiko, Gewalttäter oder Gewaltopfer zu werden. Bei häuslicher Gewalt sind die Täter überwiegend männlich und die Opfer weiblich. Kinder und Jugendliche sind von Gewalt im familiären Bereich ebenfalls betroffen, direkt oder indirekt, wenn sie Gewaltszenen miterleben. Alkoholkonsum ist nicht so sehr der Grund für Gewalttätigkeit, sondern wirkt eher als Auslöser für oder „Beschleuniger“ von Gewalt. Alkoholkonsum und Gewaltausübung wirken gegenseitig als Katalysator: Um die Gewalt des Partners besser ertragen zu können, beginnen einige Frauen selbst zu trinken und werden so wiederum leichter Zielscheibe für Gewalt. Fast jede dritte Gewalttat in Deutschland wird unter Alkoholeinfluss begangen.
• Alkoholkonsum wirkt direkt auf die körperlichen und geistigen Funktionen des Menschen. Aufgrund reduzierter Selbstkontrolle reagieren Alkoholtrinkende in Konfrontationen eher gewalttätig als Menschen, die keinen Alkohol getrunken haben.
• Zwischen Alkoholkonsum und Suizid bzw. Suizidversuchen besteht ein enger Zusammenhang. Vor allem bei starken Trinkern und bei jugendlichen Alkoholkonsumenten ist das Risiko für suizidales Verhalten erhöht, besonders wenn sie unter psychischen Problemen wie Depressionen leiden. Annähernd 7% der Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit sterben durch Suizid.

Aktuelles

27.05.11 08:07

SWR berichtet in der "Landesschau" über die Aktionswoche

Auch der SWR produzierte für die Landesschau Rheinland-Pfalz einen längeren...

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