Rolf bereut, dass er nicht früher Hilfe gesucht hat

„Irgendwann war das Kind in den Brunnen gefallen.“ Der 45-jährige Rolf zuckt mit den Achseln und erinnert sich, wie sein Alkoholproblem begann. Anfangs eher harmlos. Er heiratete früh, wurde rasch hintereinander zweimal Vater, die Familie kaufte ein kleines Haus. Mit Umstrukturierungen im Betrieb kam die Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle. Überforderung? Gestand er sich nicht ein. Lieber griff er zum Alkohol.

Bald merkte er: Nach ein oder zwei Gläsern Bier ging es ihm besser, Angst und Stress verschwanden. Aus den ein oder zwei Gläsern wurden bald vier oder fünf, am Ende trank er mehrere Liter Bier täglich und Schnaps dazu. Seine Frau machte ihm Vorwürfe, häufig gab es Streit, die Kinder litten unter der Situation.

Rolf gehörte zu den 1,7 Millionen Menschen in Deutschland, die abhängig vom Alkohol sind. Abhängige können nicht mehr ohne Alkohol leben. Ihr Körper reagiert mit Entzugserscheinungen, wenn er keinen Alkohol mehr bekommt. Alkoholkranke vernachlässigen ihre Hobbys und ihren Freundeskreis. Ihr Denken und Handeln kreist um die Droge Alkohol.

Weitere rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland trinken missbräuchlich, also regelmäßig zu viel Alkohol. Oft leugnen oder verharmlosen sie es. Dadurch gefährden sie ihre Gesundheit. Finanzielle Probleme, Aggressionen bis zur körperlichen Gewalt, Probleme in Partnerschaft und Familie sind weitere Folgen von Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit.

Rolf nahm seine schlechten Leberwerte einfach hin. Auch der ständige Streit mit seiner Frau brachte ihn nicht zum Umdenken. Erst ein Betriebsfest, bei dem er betrunken in der Ecke lag, öffnete ihm die Augen. Die späteren Reaktionen seiner Kollegen verrieten ihm: Sie wussten längst, dass er viel zu viel trank. Obwohl er sich doch stets bemüht hatte, sein Problem zu verheimlichen. Er schämte sich. Und suchte endlich Hilfe.

Nach einem Gespräch mit seinem Arzt und dem erfolglosen Versuch, weniger zu trinken, vereinbarte er schließlich einen Termin mit einem Suchtberater.

Im ersten Gespräch ging es um die Klärung seiner Situation. Gemeinsam legten sie einen Hilfeplan fest, der genau auf ihn zugeschnitten war. Nächster Schritt war eine Entzugsbehandlung, bei der sein Körper vom Alkohol entwöhnt wurde. Diese kann stationär oder ambulant durchgeführt werden, reicht aber nur selten aus. Denn danach geht es darum, ein Leben ohne Alkohol zu üben und Probleme anders zu lösen als mit dem gewohnten Griff zum Glas.

Eine ambulante Therapie in der Psychosozialen Beratungsstelle schloss sich an. Dort lernte Rolf, anders mit sich und seinen Ängsten umzugehen. Letzter Schritt war schließlich die Kontaktaufnahme zu einer Selbsthilfegruppe in seiner Stadt.

Auch heute noch, zwei Jahre nach seiner Therapie, geht Rolf in die Selbsthilfegruppe. Auch seine Frau lernte dort vieles dazu. Nur eins bereut Rolf noch: „Ich wünschte, ich hätte mir mein Alkoholproblem früher eingestanden und früher Hilfe gesucht“. Sein Rat an andere Betroffene: „Auch wenn es schwer fällt: Den ersten und wichtigsten Schritt tun und sich Hilfe suchen, bevor das Leben völlig im Alkohol ertrinkt."