Cosima Viola, das "Gesicht" der Kampagne

Das Großflächenplakat der Aktionswoche Alkohol 2009: Im 480 qm großen High-End-Fotostudio von „Krentz Photography“ in Aachen entstand aus dem Entwurf der Agentur „Mohr&More“ das endgültige Motiv. Alle drei Kreativ-Profis – Oliver Mohr, Denise und Ulf Krentz – erklärten sich spontan bereit, zugunsten des Aktionswoche Alkohol und des Präventionsgedankens auf ihr Honorar zu verzichten.

Cosima Viola im Interview:
"Alkohol ist skrupellos und nicht dein Freund"
Bier trinkend und rauchend tauchte sie 2001 erstmals in der „Lindenstraße“ auf. Als Straßenkind Jacqueline, genannt „Jack“, verkörperte die damals zwölfjährige Cosima Viola das renitent-rüpelige Gegenprogramm zum Spießertum der Beimers und Zieglers. Mittlerweile ist Jack in der ARD-Serie dank guter Drehbücher behutsam erwachsen geworden, ohne ihre zentralen Eigenschaften – Offenheit und Abneigung gegen Konventionen – zu verlieren. Auch ihre Darstellerin Cosima Viola ist der Schulzeit entwachsen. Strahlend und bester Laune betritt die 20Jährige, die gerade von einer Reise durch Neuseeland zurück gekehrt ist, das Kölner Café. Sie ist kaum weniger cool gekleidet als Jack. Und bestellt Apfelsaftschorle.
Frau Viola, Sie haben gerade vier Monate in Neuseeland verbracht – wie war die Reise?
Sie können Du sagen, ich heiße Cosima. Und Neuseeland war toll! Ich wollte nicht viel reisen, sondern mit den Einheimischen wohnen, deren Leben kennen lernen und mit Pferden arbeiten. Also habe ich am „Woofing“-Programm teilgenommen, das steht für „Workers on Organic Farms“. Man arbeitet jeden Tag fünf Stunden auf einer Farm oder einem Reiterhof, dafür kann man umsonst wohnen und essen. Das Prinzip ist super, man lernt das wirkliche Leben neuseeländischer Familien kennen und sieht Orte, die man als Tourist niemals zu sehen bekäme – es war einfach schön. Übrigens, in Neuseeland werden schockierende TV-Spots zum Thema Alkohol ausgestrahlt.
TV-Spots, wie es sie in Deutschland nicht gibt?
Genau. Einer der Filme ging so: Man sieht eine Gartenparty, Männer stehen am Grill herum und trinken. Dann ändert sich der Hintergrund, die Kamera schwankt ein bisschen, man merkt, einer der Männer ist betrunken. Er geht ins Haus, wo sein kleiner Sohn auf dem Boden sitzt. Und dann nimmt der betrunkene Vater den Jungen und schwenkt ihn durch die Luft, dreht sich mit ihm im Kreis – und schleudert ihn dabei gegen einen Schrank. Der Körper gleitet am Schrank herunter, bleibt liegen. Man sieht, das Kind ist tot. Seine Frau rastet völlig aus, und der Vater wankt weinend ins Freie. Für ihn kam das Ganze ja genauso unvorbereitet wie für den Zuschauer. Ich konnte kaum hinsehen, so sehr hat mich das mitgenommen und so krass fand ich diese Filme. Aber genauso grausam und erschreckend ist die Realität von Alkohol.
Cosima, es ist Samstag Nachmittag, wieso trinkst du jetzt eigentlich keinen Prosecco?
Tagsüber mag ich weder den Geschmack noch die Wirkung von Alkohol. Man kriegt dann nicht mehr viel mit, ich finde das schlimm. Zu bestimmten Anlässen wie Karneval kann man das mal machen, aber es muss schon einen gerechtfertigten Anlass geben. Ich fühle mich fern von allem, so isoliert von anderen Menschen, wenn ich tagsüber Alkohol trinke. Außerdem verstärkt die Wirkung bei mir die jeweils aktuelle Stimmung: Wenn es mir gerade schlecht geht, dann geht es mir danach noch schlechter.
Probleme weg zu trinken kennst du also nicht?
Nein, das würde alles nur verschlimmern. Sich mit so einer Motivation zu betrinken finde ich richtig bemitleidenswert. Da bin ich wohl einfach zu klar mit mir selber. Ich handele dann lieber oder rede darüber und versuche, eine Lösung für das Problem zu finden. „Ich bin der Größte, ich bin toll und fühle mich toll“ – das ist absolut der einzige Grund, warum die Leute trinken. Mir kann zum Beispiel keiner erzählen, dass ihm purer Vodka schmeckt. Warum sonst mixt man Vodka denn mit Cola oder Orangensaft? Es geht also überhaupt nicht um das Getränk, es geht nur um die Wirkung.
Stört es dich, dass die Hemmschwelle sinkt, wenn du abends mit Freunden ausgehst und getrunken wird?
Ja, sehr. Ich glaube, Alkohol macht vielen Leuten das Kennenlernen einfacher, gerade denjenigen, die eher verschlossen sind. Wenn man betrunken ist, hat man auch keine Angst davor, dass irgendwas schiefläuft, man macht dann ja einfach drauflos. Aber wenn man jemanden kennenlernt und beide sind betrunken, dann wird man hinterher unweigerlich enttäuscht, weil ja überhaupt kein ehrlicher Pol vorhanden ist. Sich nüchtern kennen zu lernen, ist immer sicherer und ehrlicher. Alkohol kann einem bis zu einem gewissen Grad eine kleine Brücke bauen – aber man ist mit der anderen Person doch häufiger in nüchternem als im betrunkenen Zustand zusammen, oder?
Ich habe irgendwann auch gemerkt, dass dieser Spruch „Besoffene und Kinder sagen die Wahrheit“ einfach nicht stimmt – der Betrunkene bereut die Dinge meistens am nächsten Tag. Es steckt ja ein Grund dahinter, warum man eine Vernunft hat, warum man eine innere Stimme hat, die einem sagt: „Nein, mach das nicht!“ Aber diese innere Stimme wird einfach ausgeblendet, wenn man besoffen ist. Okay, es gibt Dinge, die man sich nüchtern nicht auszusprechen traut, weil man Angst hat, sein Gesicht zu verlieren, oder weil man vielleicht Mist gebaut hat und sich entschuldigen muss. Auch das fällt ja vielen Leuten leichter, wenn sie getrunken haben. Freundschaften kommen wieder zusammen, wenn man betrunken ist, Mädchen schreiben ihrer verflossenen Liebe, wenn sie betrunken sind, Ex-Paare haben wieder etwas miteinander, wenn sie betrunken sind – tiefste innere Instinkte und Bedürfnisse kommen dann raus. Die haben aber mit der Realität nichts zu tun.
Es geht also um die eigene Grenze?
Genau. Es geht nicht darum, dass du trinkst, sondern vielmehr, wie du den Alkohol konsumierst. Wie du dein Limit austestest, auf eine reife, vernünftige Weise. Alkohol ist in jeglicher Kultur seit Jahrhunderten ein Thema und nicht ausschließlich schlecht, man kann mit Alkohol ja auch Spaß haben. Doch die Grenze dazwischen ist wie ein schmaler Grat, auf dem man sich bewegt und den man für sich kennen muss. Wenn man das Gefühl dafür bekommt, dann hat man auch Respekt vor Alkohol. Wenn man aber dazu übergeht, Alkohol im Alltag einen selbstverständlichen Platz einzuräumen, dann ist das einfach der falsche Weg.
Alkohol ist nicht dein Freund. Alkohol ist skrupellos. Stell ihn dir wie einen Menschen vor, mit einem Smilie-Gesicht vorne und einer bösen Maske auf dem Hinterkopf. Dieses Wesen kann sich zu jedem Zeitpunkt drehen und wenden, die Kontrolle darüber behalten musst du selber. Alkohol hat auch kein Gewissen, der denkt nicht “och guck mal, die trinkt nur am Wochenende, die mach ich jetzt mal nicht abhängig” – Alkohol denkt gar nicht. Wenn du ihn nicht kontrollierst, wenn du also den Alkohol in einer sehr maßlosen Haltung konsumierst, dann nimmt er irgendwann überhand und entscheidet, was mit dir passiert. Der Alkohol hat ja nichts zu verlieren. Du schon.
Kannst du ohne Alkohol feiern?
Klar, das habe ich schon oft gemacht.
Und bist du bei deinen Freunden Cosima, die Spaßbremse?
Nein, im Gegenteil! Natürlich findet immer eine Art Gruppenzwang statt. Ist eben die Frage, ob man es in dem Moment aushalten kann, nicht mitzutrinken, also nicht auf der gleichen Welle zu surfen wie die anderen. Den Unterschied merkt man ja deutlich. Ich bin dann zum Beispiel um 8 Uhr morgens immer noch fit, während die anderen um 5 Uhr schon nach Hause wollen. Und dieses Gefühl, sich nicht selber ausgrenzen zu wollen, ist auch der Grund, dass die Leute in der Situation dann doch trinken, obwohl sie vielleicht auch ohne Alkohol ihren Spaß hätten. Weil sie nämlich denken: „Boah nee, dann bin ich hier ja der einzige, der noch gerade laufen und noch tanzen kann.“
In meinem Freundeskreis kommt es immer vor, dass irgendeiner nicht mittrinkt – wir alle konsumieren nicht über, wir konsumieren auch nicht die ganze Zeit. Es gibt auch einen überzeugten Nichttrinker bei uns. Der steht dann da mit seiner Cola oder seiner Bionade, aber das wird überhaupt nicht mehr angesprochen. Es ist einfach klar: Er trinkt nicht. Man quatscht doch auch nicht jeden an, der nicht raucht, und fragt den: „Warum rauchst du denn nicht?“ Was wäre das auch für eine blöde Frage?
Wurde während deiner Schulzeit auch getrunken, um zu zeigen, wie erwachsen man ist?
Ich hatte nie Freunde, die dieses Kampftrinken praktizierten. Am Wochenende wurde schon mal heftig getrunken, aber keiner hatte jemals eine Alkoholvergiftung. Was ja heute nicht mehr viele Jugendliche von ihrem Freundeskreis sagen können. Es haben einfach alle diese innere Stimme in sich, die zu einem festen Bestandteil ihres Verstandes geworden ist und die irgendwann „Schluss“ sagt. Und die Existenz der inneren Stimme, diese Vernunft, die bringen dir deine Eltern bei. Wenn sie erstmal da ist, begleitet sie dich auch durch dein ganzes Leben. Mit dieser Vernunft ausgestattet werden die Jugendlichen sicher auch mal über die Stränge schlagen, aber es bleibt alles im grünen Bereich. Das ist für mich der eigentlich wichtigste Job, den Eltern ihren Kinder gegenüber haben: ihr Einfluss auf Alkohol, auf Drogen, auf Jobsuche, Schule und Hausaufgaben.
Wie sollten Eltern mit ihren Kindern in der Frage umgehen?
Kontrolle finde ich ganz schlecht, es geht vielmehr um Erreichbarkeit. Als Elternteil dem Kind die Hand hinzuhalten und ihm klarzumachen: „Ich bin da. Ich zwinge dich nicht, mir irgendwas zu sagen, aber wenn du mir etwas sagen möchtest, dann tu es ruhig, ich werde dir helfen, wenn ich kann.“ Genau so war es bei mir zuhause. Meine Mutter hat von Anfang an gesagt: Ich vertraue dir, wir können über alles reden, und solange unser Vertrauen zueinander stimmt, kannst du auch machen, was du willst – es liegt in deiner Hand, was du mit diesem Vertrauen anstellst.
Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, ich würde dieses Vertrauen niemals aufs Spiel setzen. Im Endeffekt hatte ich viel mehr Freiheiten als andere in meinem Alter, aber das führte eben dazu, dass ich diese gar nicht ausnutzen musste. Ich hatte zum Beispiel eine Zeitlang superviel mit Kiffern zu tun – und habe nicht ein einziges Mal gekifft. Weil ich wusste, dass ich von zuhause so viel Selbstbewusstsein mitbekommen und soviel Stärke im Rücken hatte, um das allein entscheiden zu können.
Wieso geht die Sache mit dem Alkohol bei anderen Jugendlichen oft schief?
Ich glaube, viele Eltern gucken einfach weg bei ihren Kindern. Und genau da ist wahrscheinlich der Knackpunkt, an dem Jugendliche anfangen, Alkohol im Übermaß zu trinken: Wenn sie in eine schwierige Situation kommen und wissen, sie können jetzt nicht nachhause gehen und darüber reden, weil zuhause eben keiner ist, den das interessiert. Die müssen sich dann an ihre Freunde halten, sonst haben sie ja niemanden. Das ist wohl so eine Kettenreaktion. Vielleicht sind manche Eltern auch unsicher und wissen nicht genau, wie sie es handhaben sollen. Ich finde: Es gibt vieles, was man falsch machen kann, aber es gibt noch mehr, was man richtig machen kann!
Man lernt sowieso nur aus der eigenen Erfahrung. Als ich einmal Liebeskummer hatte, sagte meine Mutter zu mir, das hätte sie mir vorher sagen können, aber was hätte das genützt? Sie hätte es mir in 50 verschiedenen Sprachen aufschreiben können, sie hätte mir Bücher geben und Filme zeigen können, aber nur was ich in dem Moment selber fühlte, würde mich später wieder daran erinnern. Und nur was ich durchlebt hätte, hielte mich auch wiederum von anderen Dingen ab. Deswegen müssen Erfahrungen sein – man kann sie nicht weglassen. Und ich finde es total wichtig, Jugendlichen zu erklären: Du bist im Endeffekt derjenige, der mit der Alkoholvergiftung im Krankenhaus liegt. Es sind nicht deine Freunde, die mit dir zusammen da liegen, das bist du ganz allein! Das ist im übrigen auch der Grund, weswegen ich von Drogen die Finger lasse – ich bin da allein, und die Droge ist in meinem Körper. Wer kann mich denn da herausholen?
Hast du eine Erklärung dafür, weshalb Mädchen, die früher ja viel weniger getrunken haben als Jungs, so aufgeholt haben?
Mädchen profilieren sich anders bei Jungs als Jungs bei Mädchen. Männer sind oft nicht direkt und ehrlich, sondern machen einen auf cool. Ich kann mir vorstellen, dass viele Mädels bei den Jungs gut ankommen und mit ihnen mithalten wollen, und wenn es heißt „krass, die trinkt voll viel, die ist ja voll cool“ – schwupps, bist du die coole Trinkerin und säufst mit denen mit. In dem Alter zwischen 13 und 17 ist die Identifikation mit den Jungs ganz groß. Ich mag den Anblick betrunkener Frauen aber überhaupt nicht. Männer sind meistens sehr offensiv in ihrem Leben und immer schon ein bisschen proletenhafter – aber Frauen sind schick, klassisch, haben Stil. Frauen achten sehr auf ihr Äußeres, wir sind die Mütter, das zärtlichere Geschlecht, haben also insgesamt dieses Bild des liebevollen Menschen – da passt Besoffensein einfach nicht dazu. Die Mädels, die so krass trinken, also Mädels von der Straße und Punkerbräute, die sehen ja auch gleich viel männerhafter aus. Wenn Frauen beim Trinken die Fassade verlieren und alles von ihnen abfällt, keine Haltung mehr da, kein Stolz – nein, so sollten Frauen nicht sein.
Wenn du nicht gerade drehst oder durch Neuseeland reist, womit beschäftigst du dich?
Im Moment fotografiere ich. Ständig. Und Musik ist für mich superwichtig, als Ausgleich und Ausdrucksmöglichkeit. Eine Katastrophe, wenn der Akku von meinem iPod leer ist... Übrigens bin ich total der Bassmensch! Kommt wohl daher, dass meine Mutter immer Kontrabass spielte, während sie mit mir schwanger war. Und später, als ich ein Baby war, spielte sie mich mit dem Kontrabass auch immer in den Schlaf. Tiefe Töne packen mich sofort.
Und wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Ich ziehe bald nach Berlin! Die Stadt ist enorm inspirierend. Diesen Mix aus Historie und Neuzeit, die ganze Geschichte, die in dieser Stadt steckt, finde ich super faszinierend. Ich ziehe mit meinem besten Freund zusammen, dann beginne ich ein Praktikum bei einem Fotografen. Vielleicht studiere ich danach Fotografie, so ganz habe ich mich noch nicht entschieden. Aber die „Lindenstraße“, die mache ich auf jeden Fall weiter.
(Interview und Foto: © K. Hartig)
Zur Person
Cosima Viola wurde am 20. Juli 1988 in Bensberg bei Köln geboren. Schon als Kind spielte sie in verschiedenen Serien und TV-Filmen mit: 1998 in „Der Fahnder“ und „John Sinclair“; 1999 sah man sie in dem SWR-Film "Der Sommer mit Boiler“ und in der ARD-Produktion „Ina und Leo“. Auch in Margarethe von Trottas Vierteiler „Jahrestage“ war sie mit dabei. Als sie zwölf Jahre alt war, holte Hans Geißendörfer sie ins Team der ARD-Serie "Lindenstraße". In Folge 808 hielt sie dort Einzug als „Jack“, dem verwahrlosten Straßenkind, das rauchte, Bier trank und die Rebellion in Person war.
Parallel zu ihrer durchgehenden Lindenstraße-Rolle drehte Cosima Viola weitere Filme. Unter anderem übernahm sie an der Seite von Hannes Jaenicke eine Episodenhauptrolle in der RTL-Serie „Post Mortem“.



